Eine geht noch? Thermen in Schleswig-Holstein
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== Intro ==
Der Thermen-Boom in Deutschland ist am Abflauen. Kaum noch neue Thermalbäder werden errichtet, der Bedarf ist (fast) allerorten mehr als gedeckt. Doch hoch im Norden der Republik gibt es noch tapfere Bürgermeister und Gemeinderäte, die erbittert Widerstand leisten. In geheimen Sitzungen werden ehrgeizige Projekte ersonnen und mit zuverlässigen Partnern zu Ende gebracht. Alles wird bis ins kleinste Detail geplant und berechnet. Nur eines hat man außen vor gelassen: die Gäste, die alles finanzieren sollen. Aber wer die Rechnung ohne den Wirt - also in diesem Falle den Badegast - macht, der wird die Zeche am Ende selbst bezahlen. Die Besucher stimmen nämlich zuerst mit den Füßen ab und bei der nächsten Kommunalwahl dann vielleicht ganz überraschend für die Opposition. Doch noch ist man in den Rathäusern frohen Mutes und plant munter weiter…

== Fakten ==
Schleswig-Holstein ist das nördlichste deutsche Bundesland und mit 15.800 qkm der zweitkleinste Flächenstaat. Rund 2,8 Mio. Menschen leben im Land zwischen Nord- und Ostsee. Die Versorgung des touristisch geprägten Bundeslandes mit Bädern war bis vor ein paar Jahren noch sehr bescheiden. Sie konzentrierte sich auf die Spaßbäder in Ferienparks wie Damp oder Weissenhäuser Strand sowie die Gegend rund um Lübeck (Bad Schwartau, Travemünde, Scharbeutz, Grömitz). Zwi-schenzeitlich sind zu den bereits erwähnten Bädern, die allesamt schon „aufgerüstet“ haben, noch einige hinzu gekommen. Beispiele dafür sind „Arriba Norderstedt“, „Holsten-Therme Kaltenkirchen“, „Badebucht Wedel“, „LUV Brunsbüttel“, „Dithmarscher Wasserwelt Heide“, „Piraten-Meer Büsum“, „Fehmare Burgtiefe“, „Bad am Stadtwald Neumünster“, „Dünen-Therme St. Peter-Ording“ und „Sylter Welle Westerland“. Es gibt aber eine Sache, die (fast) alle Bäder in Schleswig-Holstein eint: sie erreichen die prognostizierten Gästezahlen nicht und fahren hohe Verluste ein.

== Schluss damit ? ==
Kluge Leute könnten nun in den Irrglauben verfallen, daß hier keine neuen Prestige-Objekte mehr gebaut werden. Man könnte versuchen, mit neuen Konzepten eine bessere Auslastung der bestehenden Bäder zu erreichen. Doch - es ist lange noch nicht Schluß. Wie hieß es doch bei den Indianern noch mal so schön? „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluß vergiftet und der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, daß man Geld nicht essen kann…“ Und so wird in all jeden Städten, die noch keinen Badetempel ihr Eigen nennen dürfen, fleissig groß dimensioniert und unkoordiniert weiter geplant. Wozu gibt es schließlich Subventionen?

== Beispiel Glücksburg ==
Seit 2007 kann man in der „Fördeland-Therme“ planschen. Oder sollte es besser „FördeRland-Therme“ heißen? Schließlich flossen in das 14,2-Mio.-Euro-Bad (netto) rund die Hälfte der Baukosten als Fördermittel. John Witt, vormaliger Bürgermeister und nun Geschäftsführer des Bades, hält den Bau auch heute noch für eine „absolut gute Entscheidung“. Und das, obgleich von den einst vorhergesagten 260.000 Badegästen laut Presseberichten gerade mal die Hälfte kommen. Architekt Deyle hatte dem Bad als Betreiber mit seiner Starwaters-Gruppe bereits im Februar 2009 den Rücken gekehrt. Schon damals war klar, dass die „Fördeland-Therme“ die neue Konkurrenz im nur 6 km entfernten Flensburg nicht verkraftet. Die zugesicherten 1,2 Mio. Euro Zuschuß pro Jahr rechneten sich für Starwaters nicht mehr. Naja, immerhin hat Glücksburg ja fast 6.000 Einwoh-ner. Die werden das schon stemmen. Die Ratsherren beider Städte sehen jedenfalls keine Probleme…

== Beispiel Flensburg ==
Das marode Hallenbad von 1963 war nicht mehr zu retten. Klar, daß man in der Universitätsstadt nicht auf ein eigenes Bad verzichten wollte, obgleich die Therme im benachbarten Glücksburg bereits kurz vor der Eröffnung stand. Man hätte es den Bürgern, den Studenten und den Urlaubern nicht zumuten können, mit dem Bus zehn Minuten zur „Fördeland-Therme“ zu fahren. Darum baute man das neue „Campus-Bad“. Mit 50-m-Hallenbecken, Spaßbereich und Saunaland ist es etwa dreimal so groß wie das alte Hallenbad. Rund 17 Mio. Euro wurden hier investiert. Der fällige Betriebskosten-Zuschuß beträgt laut Presseberichten 1,5 Mio. Euro jährlich. Ganz offensichtlich zielen die ähnlich konzipierten Bäder in Glücksburg und Flensburg in weiten Teilen auf das gleiche Publikum und nehmen sich gegenseitig die Gäste weg. Bäder-Kannibalismus. Bürgermeister Henning Brüggemann verteidigt den Entschluss dennoch vehement. Er meint, „es war notwendig, ein Bad in dieser Größe und dieser Qualität zu bauen“. Ob es auch notwendig war, dafür einen Planer und Betreiber zu beauftragen, der zuvor schon bei mehreren vergleichbaren Projekten nicht die Erwartungen erfüllte, wird sein Geheimnis bleiben.

== Beispiel Keitum ==
Ein Vorzeige-Objekt sollte die „Keitum-Therme“ in Sylt-Ost noch Anfang 2007 werden. Tatsächlich wurde der Bau zu einem der größten Desaster der deutschen Bädergeschichte. Pleiten, Pech und Pannen lösten sich regelmäßig ab. Nach monatelangen Baustopps bei immens steigenden Baukosten kam Anfang 2008 das Aus. Architekt, Bauherr und Baufirmen schoben sich gegenseitig die Schuld zu. Nahe des grünen Kliffs, einem der schönsten Plätze der Insel, steht nun eine halbfertige Bau-Ruine. Schlappe 11,5 Mio. Euro sind dort bis heute verbuddelt und der voraussichtliche Abriß wird nochmals ein großes Loch in den Gemeindesäckel reißen. Die Schuldfrage ist offen, doch der Bürger zahlt ja gerne für den Spaß.

== Beispiel Kiel ==
Eine Landeshauptstadt ohne Vorzeige-Bad? Das geht nicht. Doch bislang ist das Bade-Angebot hier sehr mager. Mit den alten Hallenbädern in Gaarden, Schilksee oder Laboe kann die 240.000-Einwohner-Stadt an der Ostsee wahrlich nicht protzen. Die historische Schwimmhalle Lessingplatz ist außerdem bereits lange geschlossen. So verwundert es nicht, daß man in der Förde-Stadt Nägel mit Köpfen machen will. Das „Zentralbad auf der Hörn“ muss her. Rund 20 Mio. Euro (inkl. USt) soll das neue Prunkstück kosten. Dafür gibt es in der Halle dann acht Bahnen je 50 Meter, Sprung- und Lehrbecken, ein „KSB-Becken“ für Kurse und eine kleine Sauna. Ab 2013 soll im neuen „Sport- und Freizeitbad“ geplanscht werden. Der Zuschußbedarf soll 2,4 Mio. Euro jährlich möglichst nicht überschreiten…

== Beispiel Schleswig ==
Auch in der früheren Landeshauptstadt Schleswig hat man hehre Pläne. Hier steht seit Jahren das riesige, ehemalige Kaser-nengelände direkt an der Schlei zur Disposition. Verschiedene Betriebe wurden angesiedelt und auch das Wikingerfest hat hier seinen Platz gefunden, doch so recht befriedigt das nicht. Was liegt da näher, als ein neues Bad zu bauen? Schließlich sind die Badetempel in Flensburg und Glücksburg ja eine halbe Autostunde entfernt. Also plant Bürgermeister Thorsten Dahl trotz größter Bedenken im Rat munter weiter an seinem 31,3-Mio.-Euro Projekt für eine neue Gesundheits-Therme. Dabei hofft er auf Fördermittel in Höhe von 9,8 Mio. Euro. Der vorhergesagte Zuschußbedarf würde übrigens mit 2,28 Mio. Euro fast 100 Euro Beteiligung für jeden Bürger der 25.000-Einwohner-Stadt bedeuten - jährlich natürlich und eine ganze Generation lang. Aber eine Modernisierung des vorhandenen Hallenbades würde sich wohl nicht rechnen.

== Fazit ==
Die Gedankengänge und Beweggründe mancher gewählter Volksvertreter bleiben dem niederen Volk wohl auf ewig ein Rätsel. Das Geltungs-Bedürfnis scheint oft stärker ausgeprägt zu sein als der gesunde Menschenverstand. Der Bürger kann sein Geld nur einmal ausgeben, auch wenn er viele Offerten hat. Und selbst ein perfektes Angebot muß sehr gut vermarktet werden, sonst scheitert es. Zudem sollte es sich herumgesprochen haben, daß sogar Gutachten und Prognosen renommiertester Firmen nicht immer objektiv sind und in den seltensten Fällen genau zutreffen. Im Sinne des Gemeinwohls wäre es wohl ratsam, besser mal noch eine zweite oder dritte Meinung einzuholen und im Zweifel eine kleinere Lösung in Erwägung zu ziehen. Vergrößern kann man im Bedarfsfalle immer noch, nachträglich zu verkleinern ist viel schwieriger.
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