Kabane & Liebe...
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Zu Besuch bei historischen Freibädern in Nieder-Österreich und Wien
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Die K&K-Monarchie gehörte zu den Vorreitern der modernen Badekultur. Vor allem in und um die Met-ropolen Budapest und Wien entstanden bereits im 19. Jahrhundert zahlreiche Badeanstalten. Es gab einfache Flußbäder und Badeschiffe, Licht- und Luftbäder, aber auch teilweise pompös ausgestattete Badetempel mit Wannen- und Brausebädern und auch einige Schwimmhallen sowie Sommerbäder. Einige davon haben sich bis heute erhalten und zeugen vom Glanz der Baukunst in der Zeit von Klassizismus und Jugendstil. Man würde sich kaum wundern, an einem strahlenden Sommertag Kaiser Franz-Joseph mit seiner Sissi durch eines dieser alten Bäder flanieren zu sehen. Wir haben mehrere der historischen Freibäder im Wiener Raum besucht und die besondere Atmosphäre dort eingeatmet.

Durch die Einflüsse des Kontinentalklimas gehört der Osten Österreichs mit der Bundeshauptstadt zu den sonnenreichsten und niederschlagsärmsten Gebieten Mitteleuropas. Vor allem im Juli und August gibt es häufig längere Sonnenperioden, öfters tagelang mit Mittags-Temperaturen über 30 °C. Dann wünschen sich die gestreßten Großstädter vor allem eines: möglichst schnell ins Freibad zu kommen. Und derer gibt es im Donaubecken wahrlich viele, meist großzügig angelegt und mit langer Tradition. Beginnen wir mit dem wohl bekanntesten Schwimmbad der Alpenrepublik...

== Das Gänsehäufel ==
Der Naturheilkundler Florian Berndl richtete bereits um das Jahr 1900 auf einer größeren Insel („Gänsehäufel“ genannt) im Bezirk Donaustadt eine Badewiese ein, die sich schnell zum beliebten Naturisten-Treffpunkt entwickelte. Hier badete man in einem ruhigen Altarm der Donau, ohne die damals übliche Geschlechtertrennung und teilweise sogar ohne Bekleidung. Das mißfiel den herrschenden konservativen Kreisen, woraufhin Berndl schließlich die Segel streichen mußte. Die Commune Wien übernahm anschließend die Bewirtschaftung der Insel und eröffnete in 1907 ein Strandbad.

Damals wie heute wimmelt es hier an heißen Tagen nur so von Menschen, wobei bis zu 30.000 Besucher täglich möglich sind. Leider wurden die alten Gebäude des Gänsehäufels im zweiten Weltkrieg durch Bombenangriffe völlig zerstört. Ab 1948 erfolgte der Wiederaufbau nach Plänen von Max Fellerer und Eugen Wörle. Wie in einer Kaserne reiht sich nun ein zweistöckiges Umkleidehaus ans nächste (zehn gibt es insgesamt), verbunden durch Galerien in der ersten Etage. Herausragendes Architektur-Merkmal ist aber der 27 m hohe, schlanke Uhrturm.

Zunächst passiert man eine Brücke und den großen Parkplatz und gelangt linker Hand zum auskragenden Kassenhaus. Am besten kommt man aber mit dem (kostenlosen) Bäderbus, denn die Parkgebühren sind - wie fast überall in Wien - astronomisch hoch und der Platz trotzdem oft knapp. Und wehe, wehe, man hat keinen gut sichtbaren Parkschein hinter der Scheibe liegen, denn das kostet dann mal gleich moderate 175 Euro! Im Freibad-Gelände findet man außer den vielen Umkleiden auch Kiosk, gastronomische Betriebe und sogar ein Museum („Aquascope“). Man badet im flachen, klaren Wasser der Donau oder in den betonierten Becken. Hier kann man Bahnen schwimmen, auf Sprudelliegen entspannen, den Kindern beim Planschen zusehen oder sich die Riesenrutsche hinabstürzen. Als Adria-Ersatz dient die Brandung im Wellenbecken, seinerzeit das erste in Österreich. Sehr beliebt ist auch heute noch die große FKK-Wiese unter alten Pappeln und Weidenbäumen, wo man auch nackend Beach-Volleyball spielen kann. Sogar eine kleine Saunakabine kann gemietet werden und es gibt original thailändische Massagen unter freiem Himmel.

Eine Besonderheit sind die Kabanen, die man in verschiedenen alten Bädern vor allem im Westen und Sü-den Österreichs findet. Es handelt sich um kleine Miet-Kabinen, nur wenige Quadratmeter groß und einst wohl zum Deponieren von Liegen und Sonnenschirmen gedacht. Heutzutage sind sie aber eher zur gemütlichen Wohnstube gestreßter Großstädter mutiert. Hier zieht man sich um oder holt sich ein kühles Bier-chen, hier werden Würstchen gebrüht und Eier gebrutzelt, man packt Tische und Stühle aus und picknickt ausgiebig - und zwar von frühmorgens bis zur Abenddämmerung. Es wird gemunkelt, dass auch so mancher Einheimischer seinen Ursprung in einer dunklen Kabane hatte. Man kennt das ja von Boris Becker...

Hunderte von Kabanen gibt es im Gänsehäufel, in Reihen geschaltet, mehrstöckig oder gar in bis zu vier-stöckigen Türmen. Alle und wirklich alle sind vermietet und zwar immer. Auswärtige haben keine Chance, jemals eine Kabane zu ergattern, denn sie werden niemals freiwillig abgegeben. Man reicht sie höchstens unter der Hand an gute Freunde weiter oder vererbt sie sogar. Die Warteliste auf eine freie Kabane ist gerüchtehalber sehr lang, vergleichbar mit der Vorbestellung eines Trabants in der DDR. Wer viel Glück hat, kommt aber angeblich schon nach ein paar Jahren zum Zuge.

Das Gänsehäufel ist übrigens nicht nur eine Wiener Institution (zutreffender Slogan: „Die Insel im Herzen der Wienerinnen und Wiener“), sondern mit 330.000 m² Fläche und durchschnittlich 550.000 Saisongästen auch das größte und wahrscheinlich bestbesuchte Freibad Europas. Da kommt höchstens noch das Wannseebad in Berlin mit.

== Thermalbad Baden ==
Die Biedermeierstadt Baden, eine halbe Autostunde südlich von Wien gelegen, ist wegen ihrer starken Schwefel-Thermalquellen und der guten Luft schon seit Jahrhunderten ein beliebter Kurort. Im Jahre 1926 errichtete Baumeister Alois Bohn am Ufer der Schwechat ein Thermal-Strandbad in riesiger Dimension. Rund 3.000 m² gefaßte Wasserfläche markierten lange Zeit die Führungsposition in Europa. Das dreistöckige Hauptgebäude misst über 160 m in der Länge und ist bis heute nahezu unverändert erhalten, inklusive Verglasung im Art-Déco-Stil. Am größten künstlichen Sandstrand Österreichs gedeihen sogar Palmen und auch im Erlebnisbecken sprießen welche - dort allerdings aus Edelstahl. Man schwimmt hier in einem der beiden 50-m-Becken, zeigt den dreifachen Salto mit gedrehter Schraube vom 5-m-Turm oder gleitet elegant die Riesenrutsche hinab. Über eine Brücke gelangt man auf eine weitere Liegewiese im Weilburgpark. Textilfrei sonnt man sich auf den beiden - züchtig nach Geschlechtern getrennten - Dachterrassen. Am schönsten ist es jedoch, in einem der heißen Schwefelbecken zu sitzen und sich dem heilsamen Naß hinzugeben. Dabei blickt man über das Erlebnisbecken oder auf das schöne Jugendstil-Ensemble. Durch-schnittlich 300.000 Gäste pro Saison gönnen sich dieses Vergnügen. Auch hier gibt es mehrere Hundert Kabanen, einstöckig in Reihen, aus Holz gefertigt und in Schönbrunnergelb gestrichen, mit grünen Dächern.

== Bad Vöslau ==
Vielleicht noch schöner ist die nahegelegene Badeanstalt in Bad Vöslau. Der Ort ist weltweit für sein wohlschmeckendes Tafelwasser bekannt. Das erste Badehaus aus dem Jahre 1816 ist seit gut hundert Jahren Geschichte. An seiner Stelle entstand nach Plänen von Peter Paul Brang und Wilhelm Lukesch ein imposanter Bäderbau. Das 1926 eingeweihte Thermalbad entzückt das Auge schon mit dem leicht konkav geschwungenen Eingangsgebäude mit durchgehendem Kolonnadengang und einem massiven Uhrenturm. Nach dem Passieren des Drehkreuzes steht man vor einem großen Edelstahlbecken, das mit lauwarmem Thermalwasser befüllt ist. Gleich dahinter lauert die Abkühlung in Form von riesigen Frauenstatuen, die Unerschrockene mit eiskaltem Naß begießen.

Danach geht es eine Treppe hoch zum „grünen Becken“, das direkt vom Quellwasser gespeist wird. Besonders schön ist es, hier unter alten Bäumen auf der Insel zu sonnen. Die Kabanen ziehen sich an einem Berghang entlang nach oben. Von den im Halbrund angeordneten, blaßgelb gestrichenen Kabinen aus hat man einen atemberaubenden Blick über das Badegeschehen. Aber es geht noch höher, am Planschbecken vorbei in ein lauschiges Kiefernwäldchen. Dort findet man eine nette kleine Milchbar und ein recht kühles Naturbecken. Das Gelände ist kleinteilig und vielfältig gestaltet und hält immer wieder neue Perspektiven bereit. Kein Wunder, dass dieses Bad schon öfters als Kulisse für Filmproduktionen diente. Zum Tal hin bilden mehrstöckige Gebäude die Abgrenzung zur Außenwelt. Darin sind beispielsweise ein Restaurant und Funktionsräume untergebracht, aber seit kurzem auch eine moderne Saunalandschaft. Man sollte sich die Muße nehmen, den Aufpreis zahlen und auch die Atmosphäre im Thermalbad-Spa genießen, selbst an einem heißen Sonnentag.

== Bad Fischau-Brunn ==
Als drittes, historisches Freibad an der Wiener „Thermenlinie“ besuchten wir die „Kristalltherme“. Zwei Quellteiche mit Kiesboden bilden die Keimzelle des Bad Fischauer Freibades, das 1872 eröffnet wurde und durch den Architekten Hans Goldschmied im Jahre 1928 seine heutige Form erhielt. Das Quellwasser sprudelt stets mit rund 20 °C aus dem Fels, was im Sommer als recht erfrischend empfunden wird und winters schon ziemlich warm ist. Die Badenden teilen sich die Becken mit dem naturbelassenen Heilwasser mit Fischen, die sich hier auch wohl fühlen. Die familiäre Atmosphäre wird durch rund 300 hölzerne Kabanen begünstigt. Sie reihen sich links und rechts der Liegewiese bzw. zweistöckig über dem sog. Herrenbecken auf und sind in Gelb gestrichen mit grünen Türen. Vor ein paar Jahren wurde im Eingangstrakt außerdem eine kleine Saunalandschaft eingerichtet, die nun eine ganzjährige Nutzung des Areals erlaubt.

== Klagenfurt ==
An die Kärntner Landeshauptstadt grenzt der Wörthersee. Unvergleichlich ist das See-Panorama und das fast mediterrane Klima hier sorgt für meist sehr angenehme Wassertemperaturen. Paul Theer und Franz Koppelhuber erbauten in 1927 am Südufer ein luftig-leichtes Strandbad mit wuchtigem Eingangsgebäude. Fünf schlanke, hohe Torbögen führen ins Innere. Dann flaniert man über eine weite Wiese, die mit Hunderten von weiß gestrichenen Einzel-Kabanen mit Giebeldächern bestanden ist. Sozusagen freistehende Einfamilienhäuser mit vielleicht zwei Quadratmetern Grundfläche im Gegensatz zu den Reihenhaus- oder gar Hochhaus-Kabanen in Niederösterreich. Man sonnt sich hier natürlich gerne auf der grünen Wiese im Schatten meist kleinerer Bäume oder beim Beach-Volleyball. Die beliebtesten Liegeplätze befinden sich jedoch auf den drei breiten Sonnenstegen, die wie Finger weit in den See hineinreichen. Ein textilfreier Bereich wird hier aber wohl vermißt, denn recht viele der Damen sonnen sich freizügig ohne Oberteil. Gut gesorgt ist aber für die Kids, denn sie finden direkt am See eine Riesenrutsche vor, die ständig gut frequentiert ist. In der Warteschlange stehend wünscht man sich noch mindestens eine weitere Rutschgelegenheit ins erfrischende Naß. Eine gute Ergänzung ist das Aqua-Zorbing. Das Herumtollen in den transparenten Wasserbällen steht bei den Kids hoch im Kurs.

== Resumée ==
Wir haben auf unserer Österreich-Reise leider längst nicht alle historischen Sommerbäder besuchen kön-nen, denn man bleibt unweigerlich stets länger in einem Bad als eigentlich geplant. Es ist einfach zu entspannend, einfach mal faul in der Sonne liegen zu können - und wir haben ja außerdem einige Thermen besucht, die am Wege lagen. Auf unserem Wunschzettel stehen darum immer noch beispielsweise das Ottakringer Bad, das Krapfenwaldl, das Neuwaldegger Bad und das Kongreßbad in Wien, das Strandbad Edlach an der Rax, das Mattersburger Bad in Sauerbrunn, das Werzerbad in Pörtschach sowie die Flußbäder in Plank am Kamp, Drosendorf, Hollenstein und Gars-Thunau. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben...
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