Gladiatoren-Wettkampf 2010 in der Therme Obernsees
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Wir befinden uns im Jahre 2010 n. Chr. Ganz Germanien ist von tristen Saunalandschaften überschwemmt, in denen langweilige Aufgüsse stattfinden. Ganz Germanien? Nein, nicht ganz! Es gibt da ein paar vereinzelte Bäder, die sich gegen die Eintönigkeit zur Wehr setzen. Eines davon liegt im fränkischen Bratwürstleland, also oberhalb des Weißwurst-Äquators. Die Rede ist von der Therme in Mistelgau, genauer gesagt im Ortsteil Obernsees.

Obernsees? Obernsees? What to hell is Obernsees? Gut, es ist keine Bildungslücke, wenn man von diesem Ort noch nichts gehört hat. Damit fügt sich das verschlafene Bauerndorf in eine Reihe mit Namen wie Blumau, Bad Füssing, Geinberg, Bad Belzig, Bad Bellingen oder Stuttgart. Alles kleine Flecken, die wohl nie jemand zur Kenntnis genommen hätte, wenn man dort nicht mal Löcher in die Erde gebohrt hätte. Die Absicht war meist, „schwarzes Gold“ zu finden. Richtig, das Zeugs, das unsere Autos antreibt und die Meere verpestet. Doch die hochfliegenden Träume vom schnellen Reichtum wurden enttäuscht. Stattdessen stieß man auf etwas, das schon drei Viertel der Erde bedeckt: Wasser. Aber nicht irgendein Wasser - sondern heilsames Thermalwasser.

Oh, da fällt mir gerade auf: Stuttgart gehört natürlich nicht obige Aufzählung bedeutender Orte, die ohne ihre munter sprudelnden Quellen im Dornröschenschlaf geblieben wären. Jenes Dorf im Schwabenländle erlangt gerade Berühmtheit dadurch, daß man für zig Milliarden Euronen (das sind zigtausend Millionen) ein riesengroßes Loch buddelt. Aber nicht zur Förderung von Bodenschätzen, sondern um eine neue Haltestelle für fahrende Schwitzlandschaften - von Laien auch „ICE“ genannt - zu errichten. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Daß man sich über plötzlichen Wasserreichtum nicht überall freut, weiß man ja schon vom Mississippi, von der Oder oder aus Pakistan. In Obernsees aber löste das feuchte, hier ziemlich warme Nass wahre Verzückung aus. Man beauftragte Wasser-Bändiger aus einem fernen Land, um eine Bastion gegen das bislang übermächtige Nachbar-Dorf Bayreuth zu errichten. Und das schwierige Unterfangen war von Erfolg gekrönt. Schon bald glänzte und blinkte ein gewaltiger Palast zwischen den Wiesen und Wäldern hervor - eben die „Therme Obernsees“.

Aber zurück zum Thema: es geht um Aufgüsse. Für Laien kurz erklärt wird dabei meist in einem mit Holz ausgeschlagenen, geschlossenen, mit Gefangenen gut befüllten Raum eimerweise H2O auf einen irre heißen Ofen geschüttet, wodurch es heftig reagiert und zornig seinen Aggregat-Zustand wechselt. Dann schwingt ein Foltermeister sein mächtiges Geschirrtuch und verteilt den heißen Dampf über die still ihrem Schicksal ergebenen Delinquenten. Dieser Vorgang wird dann zwei- bis dreimal wiederholt, bis die auf Bänken an der Wand aufgereihten Opfer dem Kollaps nahe sind und sie laut um Gnade winseln. Wenn sie Glück haben, werden sie dann nach einer Viertelstunde Leidens wieder dampfend ins Freie entlassen. Das nennt man einen „echt-finnischen Aufguß“.

Da es sich bei Aufgüssen eindeutig um ein - derzeit noch als legal eingestuftes - Suchtmittel handelt, wiederholen sich diese Exzesse in den meisten Saunabädern stündlich und die Gäste werden zu Wiederholungs-Opfern. Natürlich kann man es - wie bei jeder Sucht - leicht übertreiben. So kommt es unter Extremisten zu regelrechten Folter-Wettkämpfen, die böse enden können. Wie beim übermäßigen Alkohol-Konsum sind dann Schäden an inneren Organen und am Gehirn nicht auszuschließen. Fachleute sprechen daher bei solchen Events, wie z. B. der „Aufguß-Weltmeisterschaft“ in Heinola (hat nichts mit dem Sänger zu tun), vom „rein-finnischen Wahnsinn“. Doch unsere Freunde vom Polarkreis sind ja sowieso für einige sonderbare Rituale bekannt (z. B. das gegenseitige Verhauen mit Birkenbüscheln).

Auch die schöne Saunalandschaft der „Therme Obernsees“ war unlängst, genauer gesagt Anfang August 2010, Austragungsort eines Sauna-Wettkampfs. Gladiatoren aus halb Europa waren angereist. Sie sollten sich messen und dem staunenden Publikum ihre Künste vorzuführen. Doch nicht mit Schild und Schwert traten sie gegeneinander an. Die Messer wurden nur gewetzt, um wohlschmeckende Früchte zu portionieren. Schilde benutzte man höchstens zum Wedeln. Und die mit wohlduftenden Wässern gefüllten Aufgußkübel sollten die Schwitzfreunde nicht in Angst und Schrecken versetzen, sondern in Entzücken.

Um den geneigten Leser nicht auf die Folter zu spannen: auch diese Sauna-Gladiatoren-Tage, die hier schon zum sechsten Male stattfanden, waren ein durchschlagender Erfolg. Bei den Aufgüssen raste der Mob von einem Begeisterungssturm zum nächsten und die besten Saunameister des Kontinents wurden gefeiert wie Fußball-Weltmeister. Kein Wunder übrigens, denn im Gegensatz zu den finnischen Brutalo-Events wurde hier alles getan, um die Gäste wohlkommen zu heißen. Vor, während und nach den Aufgüssen fühlten sich alle Besucher ausgesprochen wohl. Ein Wohlfühlen, das sich in Kommentaren wie „der beste Aufguß meines Lebens“ oder „so was Tolles habe ich ja noch nie erlebt“ ausdrückt. Manche eingefleischte Sauna-Freaks (wie ich) gehen sogar so weit, daß Sie Hunderte von Kilometern weit anreisen, um solch einem Gladiatoren-Spektakel beiwohnen zu können.

Aber wo liegen jetzt die gravierenden Unterschiede zu den „normalen“ Aufgüssen? Man glaubt ja gerne, in der Sauna sei schon alles erfunden und es kann nichts wirklich Neues mehr geben. Stimmt aber nicht. Genau wie in der Technik geht es auch in der Wellness-Branche immer noch voran. Die Gladiatoren-Aufgüsse beweisen es. „Nur“ Saunameister zu sein, genügt hier eben nicht. Es ist auch Show-Business dabei. Die Aufgüsse werden nicht einfach nur durchgeführt, sondern bis ins Detail geplant und inszeniert. Nicht maximale Hitze bei höchster Luftfeuchtigkeit soll erreicht werden, sondern das Optimum an Wohlbefinden. Aber wie beschreibt man jemanden den Geschmack einer Erdbeere, der diese Frucht nicht kennt? Oder den Duft von Flieder? Man muss es einfach selbst miterlebt haben. Am besten einfach mal zum Gladiatoren-Event kommen…

Zwischenzeitlich gibt es etwa 50 ausgebildete Sauna-Animateure, die zumeist als Saunameister in den besseren Wellness-Landschaften in ganz Europa tätig sind. Sie alle haben außergewöhnliche Aufgüsse entwickelt und perfektioniert. Im Vorfeld der Gladiatoren-Shows werden die Vorführungen der „Neuen“ bei der „Generalprobe“ von einer Fach-Jury und vom teilnehmenden Publikum bewertet, Verbesserungs-Möglichkeiten aufgezeigt. Der „Tag der Wahrheit“ kommt mit der zweiten Darbietung am folgenden Morgen. Dann werden die Prädikate „geprüfter Sauna-Animateur“ und „Aufguß mit Alleinstellungs-Merkmal“ vergeben. Nicht jedem gelingt es, gleich beim ersten Anlauf beides zu erreichen. Im Gegensatz zu anderen Lehrgängen schaffen es hier nur die Besten in den Sauna-Olymp. Doch wer es in die „Hall of Fame“ geschafft hat und sich zur auserwählten Gilde der Sauna-Animateure zählen darf, kann zu Recht stolz darauf sein.

Von den Besten der Besten waren Udo (der Mohr, vom Badehaus Rödermark), Jürgen Szepski (Die Sauna Erzhausen), Heinrich Allmendinger (Hallenbad & Sauna Nürtingen), Christian Lohrengel (Sportler aus NRW), Klaus-Peter Dieterich (Schwaben-Quellen Stuttgart) und Konstanze Labs (Lagune Cottbus) in der Arena. Die Erlebnis-Aufgüsse, die in der teilweise abgedunkelten und mit fluoreszierenden Leuchtelementen bestückten Kelo-Kaminsauna stattfanden, waren ausnahmslos sehr sehenswert. Ich vermag da gar keine Reihenfolge aufzustellen.

Neu aufgenommen in den Kreis der besten Aufgießer Europas wurden Benjamin Kinner (Saunameister im AquariUSH Unterschleißheim), Heiko Hartmann (Saunameister in der Golfbadsauna Chemnitz) und Thomas Jany (Redakteur Oberösterreichische Nachrichten und ambitionierter Sauna-Aufgießer) sowie Paula Pach (Sauna-Meisterin im Bibert-Bad Zirndorf) mit dem tollen Flamenco-Aufguss. Möglicherweise habe ich noch jemanden vergessen (Altersheimer oder wie das heißt). An den Alleinstellungs-Merkmalen muss teilweise noch etwas gefeilt werden, doch die Eignung sämtlicher Aufgießer als Sauna-Animateure wurde bestätigt. Ich persönlich hatte leider nicht die Muße, einen eigenen Aufguß zum Besten zu geben. Naja, es kommen ja noch mehr Gladiatoren-Shows.

Parallel zu den Aufgüssen lief probeweise auch das erste „SMS“ (Sauna-Manager-Seminar). Georg Danter von insauna.com und meine Wenigkeit, also Jürgen Juen von wellSPAss Unternehmensberatung waren die Dozenten. Teilgenommen und sehr gut mitgearbeitet haben Konstanze Labs, Christian Lohrengel, Heinrich Allmendinger, Michael Nell (Hotel Schwarzer Bär, Linz) und Benjamin Kinner. Leider schien die Sonne vor allem am zweiten Tag in Strömen, was der lockeren Gesprächsrunde im Freien schließlich ein Ende setzte. Es waren sich jedoch alle einig, daß solche Seminare sehr hilfreich und auch notwendig sind, um die Qualität von Sauna-Anlagen zu verbessern. Das nächste SMS wird noch in 2010 stattfinden, wobei der Ort und das Datum noch nicht festgelegt wurden. Georg hat aber schon Voranmeldungen.

Im Vorfeld der Gladiatoren-Veranstaltung wurden von den Testern von insauna.com zwei verdeckte Prüfungen durchgeführt. Inkognito wurde die Anlage besucht, um die Kriterien für die Einstufungen der Saunalandschaft und der Gastronomie - wie bereits im letzten Jahr - nochmals zu untersuchen. Der Gourmet-Test ergab wesentliche Verbesserungen im Angebot und in der Qualität der Gastronomie. Bemerkenswert auch die durchgehend spürbare Freundlichkeit aller Mitarbeiter/innen. So konnte in diesem Bereich nun eine Hochstufung auf drei Gourmet-Herzen („Erlebnis-Gourmet-Gastronomie“) erfolgen.

Kritik gab es aber an der Schnelligkeit. Beispielsweise kann es dadurch, daß das Essen grundsätzlich in der Küche des Thermalbades zubereitet wird, zu längeren Wartezeiten in der Sauna-Gastronomie kommen. Ein Umstand, an dem gearbeitet wird. Es ist bereits in Planung, das Sauna-Bistro zu verlegen und gleichzeitig zu erweitern. Bis dahin muß man sich damit trösten, daß es für Bestellungen ab 5 Euro einen Bonus von 20 Minuten kostenloser Verlängerung der Badezeit gibt. Und schließlich kann man sein Essen auch für einen bestimmten Zeitpunkt (z. B. direkt nach dem Aufguß) vorbestellen.

Der Test der Saunalandschaft ergab, daß sich dort keine signifikanten Veränderungen ergeben haben. So konnte der Titel „Traumsauna“ gehalten werden. Jedoch wurde hier angemahnt, daß es an der Zeit ist, an der einen oder anderen Stelle noch etwas nachzulegen. So fehlt bis dato noch eine bedarfsgerechte, große Aufgußsauna mit ausreichend Platz für mehr als 50 Gäste zur Durchführung von Erlebnis-Aufgüssen. Momentan gibt es dabei vor allem für den Aufgießer noch Einschränkungen.

Weiterhin muss auch noch am Feinschliff bei den momentan durchgeführten Aufgüssen gefeilt werden. Doch es sind auch in diesem Bereich bereits bauliche Erweiterungen und Nachschulungen für verschiedene Mitarbeiter geplant. So kann man der Therme Obernsees weiterhin eine sehr gute Betriebsführung bescheinigen und es dürfte sehr wahrscheinlich sein, daß dieses Bad seine hervorgehobene Stellung als eines der führenden Bäder in Süddeutschland auch zukünftig behaupten kann. Dann werden auch immer weniger Leute sagen: „Obernsees? Was ist das denn?“

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