DE-02829 Neißeaue-Zentendorf: Kulturinsel Einsiedel
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== „Komm´ mit ins Abenteuerland!“ ==
Jeder Mensch hat Träume. Manche Menschen haben sogar Visionen. Sie möchten Großes schaffen, die Welt verän-dern. Nur wenigen Visionären gelingt es aber, ihre Träume in die Realität umzusetzen und wirklich etwas Dauerhaftes zu bewirken. Es sind Unternehmer, keine Unterlasser. Sie unterscheiden nicht zwischen Arbeit und Freizeit, sondern gehen in ihrem Schaffen auf. Ihr Werk ist ihr Leben. Zu allen Zeiten gab es sie und gibt es sie, aber es sind nur wenige. Vielleicht eine/r unter Millionen. Vielleicht sind sie schon zu ihrer Zeit Superstars, vielleicht werden sie auch verkannt und kommen erst posthum zu Ehren.

Sie mögen ganz unterschiedlicher Natur sein: Erfinder, Musiker, Maler, Architekten, Fotografen, Schriftsteller oder vielleicht auch Visionäre. Allein gemeinsam ist jedoch, dass sie Geschichte schreiben. Man spricht über sie, man kennt sie und manche Namen werden sogar zur Legende. Einer davon ist Bergmann. Nein, gemeint ist kein Kumpel aus dem Ruhrpott, sondern Jürgen Bergmann. Kein Begriff? Stimmt, bei Wikipedia ist er nicht zu finden, jedenfalls noch nicht. Dafür aber in seiner Einsiedelei. Und die kennt zumindest im Osten Deutschlands zwischenzeitlich sprichwörtlich jedes Kind: die „Kulturinsel Einsiedel“.


== Bergmanns-Kunst ==
Jürgen Bergmann ist Künstler. Genauer gesagt ein Handwerker mit einer Vision. Sein Metier ist nicht die Leinwand, sondern das Holz. Und wie alle Seher blickt er weit über seinen Tellerrand hinaus. So verknüpft Bergmann seine künstlerische Holzgestaltung interdisziplinär beispielsweise mit Malerei, Theater und Musik. Er möchte die Welt farbiger und fröhlicher machen, und das mit möglichst einfachen Mitteln. Er will ein Gesamtkunstwerk erschaffen, sozusagen ein eigenes Kunstiversum. Seine Spuren hat Jürgen Bergmann schon an vielen Orten hinterlassen und seine Installationen sorgen für leuchtende Augen bei Kindern wie auch Erwachsenen. Es sind zumeist Spielplätze, windschief und verworren und quietschend koloriert. Sein bislang größtes und bekanntestes Kunstobjekt ist aber ein grüngeringelter Freizeitpark mit bunten Tupfen - eben die „Kulturinsel“.

== Die Einsiedelei ==
Der Freizeitpark liegt im äußersten Osten Deutschlands, irgendwo zwischen Görlitz und Bad Muskau. Genauer gesagt im Ortsteil Zentendorf des Dorfes Neißeaue. Geocacher finden ihr Ziel unter den Koordinaten 15°OO`59" Ost, 51°17`41" Nord. Übrigens ist Neißeaue der einzige Ort Deutschlands östlich des 15. Längengrades. Man kann hier also jeden Morgen als erster Deutscher den Sonnenaufgang erleben. Doch dafür kommt man ja nicht hierher, jedenfalls meistens nicht, sondern eher zum Kulturinseln.

Die „Kulturinsel“ ist kein Freizeitpark im eigentlichen Sinn, sondern eher ein außergewöhnlicher Abenteuer-, Spiel- und Familienpark mit noch außergewöhnlicheren Übernachtungs-Möglichkeiten. Man könnte sie als Fortsetzung der Werke von Antoni Gaudi, Niki de Saint Phalle und Friedensreich Hundertwasser mit anderen Mitteln bezeichnen. Rollercoaster und Devils-Tower sucht man hier vergeblich. Eher fühlt man sich in den Trubel eines mittelalterlichen Spektakulums hineinversetzt, in die Welt der Gaukler, Magier und Spielleute, vermischt mit märchenhaften Motiven á la Sheherazade oder Betrüger Grimmig. Schwer zu beschreiben, aber leicht erlebbar.

== Anfahrt ==
Für mich als Erstbesucher war es zugegebenermaßen nicht ganz leicht, ins Spielodies zu finden. Erst einmal lotste mich mein Navi über holprige polnische Landstraßen entlang der Neiße zum Zielort, dann war dort aber leider nicht das Ziel. Die Einsiedelei liegt nämlich etwas außerhalb, ca. 3 km vom Ort entfernt. Da es bei meiner Ankunft schon dunkel war und mein ganz neues Navi das Ziel falsch angab, fuhr ich natürlich am Park vorbei, ohne ihn zu sehen. Es gibt zwar einen großen, beleuchteten Parkplatz, doch ich dachte, hier ist wohl eine Kneipe. Schließlich fand ich doch noch einen Eingang und landete nach einem ersten Irrlauf quer durch den Park in der Baumhaus-Kneipe. Abenteuer pur sozusagen.

== Empfang ==
Nein, in der Kneipe befindet sich nicht der Empfang, der liegt nämlich genau am anderen Ende des Parks, in der Nähe des Parkplatz-Eingangs. Nachts findet man aber dennoch nicht leicht dorthin, denn nichts ist richtig beleuchtet. Im Empfangshaus gibt es einen Souvenirshop und man erhält dort auch einen Übersichtsplan des Parks sowie die Nummer der Behausung und einen siebzehnstelligen Zutrittscode für das Vorhängeschloß. So gewappnet stolperte ich dann durch den Park zurück zum Auto, parkte es nun auf dem richtigen Parkplatz (dem für Busse, trotz unübersehbarer Falschparker-Warnung) und schnappte Waschzeug, Klamotten, Getränke, Schlafsack, Decken, Kissen, Foto-Ausrüstung, Nintendo, Computer, Fernseher und was man sonst noch so für zwei Übernachtungen in der Wildnis braucht.

Und dann ging es los, diesmal anders herum durch die Dunkelheit. Ohne meine kleine atomar gespeiste Taschenfunzel wäre ich wohl hoffnungslos verloren gewesen - so war ich nur verloren. Wege führen oftmals in Sackgassen, eine Beschilderung existiert nicht. Sich bei Neumond im Sternenschein auf dem Plan zu orientieren ist auch nicht so ganz leicht. Jedenfalls erkundete ich so den ganzen Park noch einmal von rechts nach links und unten nach oben und links nach rechts und fand schließlich also nahezu sofort auch die Waldsiedlung, wo mein Zelt war. Einen Hinweis gibt es selbst am Eingang nicht, dort steht nur lapidar: „Zutritt nur für Übernachtungs-Gäste“. Das steht aber auch an allen anderen Nächtigungs-Möglichkeiten. Bis ich schließlich das richtige Zelt gefunden und das Schloß zum Öffnen überredet hatte, war ich gefühlte zwei Monate oder genauer gesagt eine ganze Stunde unterwegs gewesen, davon über die Hälfte mit dem schweren Gebäck. Zu allem Elend schlug ich mir im Dunkeln beim Öffnen einer verklemmten und falschen Tür auch noch den Kopf an. Ich kann also nur anregen, lange vor Einbruch der Dunkelheit einzuchecken oder sich einen kundigen Entführer mitzunehmen. Meine Odyssee kann ich jedenfalls nicht weiterempfehlen, obgleich man sie bestimmt schon in die Rubrik Abenteuer einordnen muss.

== Museums-Insel ==
Nein, eine Insel ist der Park eigentlich gar nicht, obwohl die Neiße nur einen Steinwurf entfernt fließt. Aber es gibt hier ein Museum, das wo sich „Historum“ nennt. Hier gips Vitrinen mit jeder Menge Schätzen aus historischen Grabungen und seltsame Gerätschaften von die „Turisedern“, einem versunkenen Völkchen, das in den Irrungen der Geschichte irgendwo vielleicht aufgetaucht und wieder verloren gegangen ist. Über die Anatomie der Turiseder kann man angesichts mancher Werkzeuge nur spekulieren, jedenfalls ist die Ausstellung sehr interessant. Und wie es sich für ein richtiges Abenteuermuseum gehört, gibt es auch einen verborgenen Gang, der über eine dunkle Treppe zu einem noch dunkleren Geheimraum führt. Also die Äuglein auf Nachtsicht-Modus umstellen oder vielleicht ein Zauberlämpchen mitnehmen...

== Erlebnis!Park ==
Wer sich unter der KulturInsel einen klassischen Freizeitpark vorstellt, liegt voll daneben. Hier gibt es weder Achterbahnen noch Freefall-Tower, ja nicht einmal ein Kettenkarussell. Man wird nicht bewegt, sondern bewegt sich noch selbst, so wie anno Tubak. Neumodische Errungenschaften wie die Elektrizität sind hier eher rudimentär vorhanden, doch trotzdem gibt es jede Menge Erlebnis. Oder wohl eher gerade deswegen. Denn hier werden Kindheits-Träume gelebt, die man sich bis ins hohe Alter im Hinterstübchen bewahrt hat oder vielleicht vorher noch gar nicht hatte. Verschlungene Pfade führen durch eine Wildnis aus phantastischen Spielgeräten und Tiergehegen.

Zwischendrin und untendrunter ein Gewirr von geheimnisvollen Gängen. Meterhohe Schluchten überquert man auf schwankenden Hängebrücken oder dicken Baumstämmen (die nur in der Einbildung schwanken) und zwischendrin lugen auch mal märchenhafte goldene Zwiebeltürmchen wie aus zweitausendundzwei Nächten durch die Wipfel. Man gelangt von Abenteuer-Spielplatz zu Spielplatz-Abenteuer. Es ist ein wirkliches Paradies für Kinder und solche, die es im Herzen geblieben sind. Aber es toben nicht nur Horden von kleinen Kindern quietschvergnügt durch den Park, sondern auch jede Menge größerer und ganz großer Kinder - jene meistens an offenstehenden Mündern, glänzenden Äuglein und dem permanenten Geräusch von Kamera-Auslösern zu erkennen.


== Reise in die Unterwelt ==
Zu jedem echten 3D-Abenteuer gehört natürlich ein Dungeon. Das kennt man ja schon von Indiana Jones oder diversen Computerspielen. Hier ist die Unterwelt allerdings real. Na gut, Riesenspinnen und wimmelnde Kakerlaken gibt es hier nicht, aber jede Menge dunkler Löcher, die als Einstieg in ein Höhlen-Labyrinth dienen. Ein kleines Taschenlämpchen kann auch hier nicht schaden und so ganz ungelenkig sollte man auch nicht sein, doch wer sich in das Röhren-Gewirr unterhalb der Grasnabe hineinwagt, kann so manches Unentdeckte entdecken. Wie lang die Gänge insgesamt sind, haben die Höhenforscher noch nicht herausgefunden, doch es sind gefühlte mehrere Kilometer. Irgendwo soll es auch eine unterirdische Schatzkammer geben, die aber wohl noch nicht genau lokalisiert werden konnte. Und man munkelt auch vom gestrandeten U-Boot eines gewissen Käpt´n Nemo irgendwo im Dickicht des Geheimnisvollen.

== Tier-Parkum ==
Die Kulturinsel ist natürlich kein Zoo oder Tierpark im eigentlichen Sinne, aber zum Erlebnis gehört das Zusammenleben mit Wildtieren hier einfach dazu. So wird man bereits am Parkplatz von Pferden und Kamelen begrüßt. Drinnen weiden Heidschnucken in einem Birkenwäldchen, warten Ponys auf Streicheleinheiten und zottelige Hochlandrinder kauen gelangweilt ihr Gras. Ein weißer Papagei krächzt und miaut und redet in seinem Baumhaus-Käfig mit den Besuchern, Karnickel und Ziegen verlangen nach liebevollem Zuspruch. Da gibt es wild aussehende Hühner und Gänse in ihren Gehegen und Pfauen, die einfach so umher spazieren. Sogar das Dach des Krönum wird als Freilauf-Fläche genutzt. Von dort aus beobachten Yuk der Yak aus York und Lumi das Lama aus Lima neugierig das Geschehen. Zwischendrin hört man dann auch mal das Röhren von Hirschen oder wild umherhackende Colorspechte.

== Und sonst so? ==
Wer meint, jetzt alles entdeckt zu haben, der hat sich gründlich getäuscht. Das Gelände ist weitläufig und hinter jedem Strauch lauern neue Abenteuer. Es ist schlichtweg unmöglich, alles an einem einzigen Tag zu erkunden. Man könnte noch im Skulpturenpark rumhängen, das Wikingerschiff entern (und durch den Geheimausgang wieder spurlos verschwinden), sich im Fontänental naß machen lassen, affenmäßig im Kletterwald rumturnen, in der Raubritterburg das Überfallen üben, einen Aufgang zum Käsebergturm finden, sich im Schaukelwald verschaukeln lassen, in der Geldwaschanlage nach Edelmetallen suchen, sich im Verirrum wiederfinden, Tret-Autos treten, im Spukhaus gruseln oder oder oder... Und wer eine Aus-Zeit vom Beeindrucktwerden braucht, leiht sich einfach ein Fahrrad aus und erkundet die Naturwälder der Umgebung. Oder er macht eine Paddelfahrt auf der Neiße - demnächst auch als Floßfahrt mit Übernachtung. Aber was rede ich hier, man kann das alles gar nicht wirklich beschreiben, man muss es einfach erleben.

== Das Schmausen ==
Viel Liebe wird in der Einsiedelei auch auf das Magenfüllen verwendet. Auch hier ist alles anders als aus anderen Parks gewöhnt. Cheeseburger oder Currywurst mit Pommes? Fehlanzeige! Hier wird noch richtig gekocht. Das fängt schon beim Frühstücks-Buffet in der Baumstamm-Kneipe an, das wirklich keine Wünsche offen läßt. Leckere Walnuß-Brötchen, glückliche Eier von frischen Hühnern, selbst gebrotenes Back, hausgemachte Momolade, dazu natürlich ökologisch einwandfreier Käse, Wurst, Schinken, Müsli und vieles, vieles mehr. Ein wirklicher Genuß und jedem 5-Sterne-Hotel ebenbürtig. Klar, man kann hier auch gut zu Mittag schmausen oder abends seinen Absacker-Salat genießen. Aber es gibt natürlich noch einige weitere Verpflegungs-Stationen im Park. So kann man in einer Felshöhle Würstchen überm Lagerfeuer braten oder sich auch eine leckere Vereisum gönnen.

== Das ist die Krönum! ==
20 Uhr. Hunger! Nach einem Tobe-Tag auf der Abenteuerinsel meldet sich der Magen mit lautem Knurren. Heute führt mich der Weg allerdings nicht wie gestern ins Baumstamm-Restaurant, sondern ins nebenan gelegene „Krönum“. Nein, zunächst ins ganz neue Nebengebäude mit der Garderobe, dem „Verkleidum“. Hier wird aus dem Normalbesucher ein echter Turiseder. Man darf sich ein Gewand aussuchen, das man überzieht und damit eine Identität annimmt. Je nach Farbe der Tunika wird man zum Mitglied einer der turisedischen Zünfte. Da gibt es beispielsweise die Bauern, die Töpfer oder die Alchimisten und noch ein paar mehr. Ich schlüpfte in die lindgrüne Gewandung der Jäger. Auch eine bunte Kopfbedeckung gehört zum neuen Outfit. So für die neuen Abenteuer gewappnet geht es in den Hof zum Briefing.

Ein Herold prüft zunächst, ob man auch tauglich ist, das Krönum zu betreten. Höchster Wert wird auf Sauberkeit gelegt und Etikette. So muss man auch einen Spruch lernen, der bei einem bestimmten Stichwort zu rufen ist, nebst entsprechender Geste. Aber ich will ja nicht zu viel verraten. Jedenfalls passiert man anschließend die Eingangspforte, wobei man auf mögliche Benässung von oben achten sollte. Und dann gelangt man in eine völlig neue, alte Welt...

Das Veranstaltungshaus ist relativ neu, hat aber eine lange Tradition. Bereits vor rund 20 Jahren stand hier die „Kultur-scheune“, wo allerlei Künstler ihre ersten Schritte machten (z. B. die Beetels, Reinhart Grönemüller, Udo Rosenberg und viele andere) und so manches legendäre Event stattfand.

Das imposante Bauwerk ist äußerlich an aufgesetzten, natürlich schiefen, roten Schein-Fenstern und riesigen, hervorste-henden Dachbalken aus Weißtannen-Stämmen zu erkennen. Richtig imposant ist es aber drinnen. Ein Gewirr aus Galerien zieht sich über mehrere Etagen durch einen riesigen, ziemlich unrechteckigen und nahezu ovalrunden Raum. Mittelpunkt auf der untersten Ebene ist eine Bühne mit wild umherverstreuten Hockern drumherum; aber es gibt auch rustikale Bänke und Tische wie in einer mittelalterlichen Schenke und flackerndes Kaminfeuer in einem schon fast begehbaren Ofen. Das erinnert ein wenig ans Märchen der verhänselten Gretel.

Die Beplatzerin beschreibt die Stelle, wo sich die Mitglieder der eigenen Zunft zusammenfinden sollen. So finden sich zufällige Gruppen zusammen, die schnell zur eingeschworenen Gemeinschaft zusammenwachsen. Wer mit seinen Freunden oder der Familie zusammenbleiben möchte, sollte also schon im Vorhinein auf die gleiche Farbe der Tunika geachtet haben. Vom weiteren Verlauf der Veranstaltung will ich nicht zu viel erzählen, es soll ja spannend bleiben. Essensgelage wechseln sich mit verschiedenen Akten eines lustigen und interessant vorgetragenen Theaterstückes ab.

In meinem Falle trug es den Titel „Wer hat Angst vor fremden Frauen“. Der Zuschauer sitzt dabei nicht nur still herum, sondern nimmt interaktiv am Geschehen teil. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung und es wird viel gelacht. Die Theatraliker überzeugen durch Spielfreude, Witz und Spontanität, dass es eine wahre Freude ist. Selbst ausgedachte Schlachtrufe der einzelnen Sippschaften werden lautstärkst ausgebracht, turbulente Spiele durchgeführt. Und wer Pech oder Glück hat, kann das Geschehen einen Akt lang vielleicht auch aus luftiger Höhe im Käfig sitzend beobachten. Dann ist man auch mit der Trapez-Künstlerin in Augenkontakt, die zwischendurch durch ihre grazil-artistischen Selbstdressurakte mächtig Eindruck schindet. Solch eine Körperbeherrschung kennt man sonst nur von Gummipuppen.


Die Aufführung mit siebengängigem Mahl (8 Gänge inklusive Ab-Gang) währte fast bis Mitternacht und ich hatte noch nie so viel Spaß bei einem Essen oder bei einem Theaterstück. Das muss man einfach erlebt haben und wer es verpasst, den bestraft die Langeweile. Jedenfalls ist diese Gaudi jeden Euro des Eintrittsgeldes wert. Der absolute Höhepunkt eines Familienpark-Besuches, wenn nicht sogar des öden Lebens an sich.

== Gut behütet einschlummern ==
Uups, wer wird denn bei all dem Toben und Schmausen und Brüllen und Lachen müde geworden sein, kaum dass die Nacht hereinbricht? Jetzt noch in den vollklimatisierten Merceemwedi setzen und gen Heimat brausen? Kommt ja gar nicht in die Tüte! Im rotkarierten Freizeitpark oder so werden nämlich nicht um 18 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt wie in den anderen Familienparks, davon abgesehen dass es gar keine Bürgersteige gibt. Hier wird nach dem Erlebnistag standesgemäß genächtigt. Und das heißt natürlich abenteuerlich! Also holt man sich am Empfang seinen Schlüssel ab und begibt sich zum Spukhaus, nein falsch, zur Waldsiedlum. Das ist so eine Art Zeltlager, aber mit richtigen Betten und versteckt unter Rohrmatten. Jede Hütte hat natürlich einen Namen und so erhält man auch noch eine Einführung in die geheimnisvolle Welt der Morcheln und Röhrlinge.

== Niederlegen in der Unterwelt ==
Aber es geht noch abenteuerlicher, nämlich im Erdhausum. Natürlich nicht ganz einfach zu finden, soll ja auch nicht jeder reinstolpern. Erst mal eine mittelalterliche Drehtür in der Kalksteinmauer öffnen, was schon etwas Geschick erfordert. Dann am Kannibalenkessel vorbeischmuggeln, ohne darin gar gekocht zu werden. Und dann ins dunkle Loch schlüpfen. Dort am zentralen Lagerfeuer vorbei und in den richtigen Alkoven hüpfen. Am gemütlichsten ist das natürlich zu zweit aneinander gekuschelt. Also Partnerum nicht vergessen, bevor er/sie im Baumstammlokal beim Abendbierchen versackt. Schließlich ist das ja ein Familienpark und wer noch keine hat, der kann hier daran arbeiten...

== Ratzen bei den Eichelhähern ==
Das Baumhaus ist wohl der ursprüngliche Lebensmittelpunkt des Menschen. Wie fast jede/r weiß stammen wir ja alle von den Affen ab und die lebten früher ja traditionell auf Bäumen. Die Verwaltung und die Politik haben die Affen erst in der Neuzeit erobert, aber das ist ja ein ganz anderes Thema. Mit der Zeit sind Baumhäuser eher aus der Mode gekommen, es lebte sich bequemer in ebenerdigen Behausungen. Dennoch ist die Liebe zu den Bäumen wohl tief in uns verankert. Kaum ein Kind widersteht der Versuchung, einen Kletterbaum zu erklimmen. Nur wenige großgewordene Kinder erfüllten sich aber späterhin den Traum, ein eigenes Baumhaus zu bauen.

Im Familienpark an der Neiße gibt es seit ein paar Jahren aber etwas wirklich Einzigartiges. Hier kann man sich den langgehegten Wunsch erfüllen, in einem richtigen Baumhaus zu übernachten. Das „1. Baumhaushotel Deutschlands“ (wortsparend „BH-Hotel“ genannt) verfügt über acht individuelle Holzhütten, die in luftiger Höhe in den Wipfeln über dem Park schweben. In jedem der Häuser gibt es Schlafmöglichkeiten für vier bis sechs Personen und teilweise sogar zusätzlichem Kinderbaumhaus. Getreu der Philosophie des Parks hat natürlich jede Unterkunft ihren eigenen, mystischen Namen.

Die Lufthütten sind nach den „Inselgeistern“ benannt. So kann man beispielsweise in „Bodelmutzens Geisterhaus“, in „Thor Alfsons Astpalast“, in „Baba-Doros Kräuterkate“ oder in „Fionas Luftschloß“ nächtigen. Auf den Großbild-Fernseher muss man hier zwar verzichten, doch dafür sind phantasievolle Träume stets inklusive. Allerdings sollte man die Übernachtung hier möglichst lange vorher planen, denn meist sind die Baumhäuser schon Wochen im Voraus ausgebucht. Ach ja, es gibt auch noch ein eigenes Behütum für die jugendlichen Abenteuer-Übernachter und demnächst auch noch preisgünstigere „Baumbetten“.


== Folklorum ==
Bereits seit 19 Jahren findet immer am ersten September-Wochenende (gleich notieren!) eines der größten Folklore-Festivals des Kontinents in der Kulturinsel statt. Das „Folklorum“ ist nicht nur ein Musik-Festival, sondern schon fast ein Familientreffen für Verrückte und deren Sympathisanten. Das Park-Motto „Ich bin froh, nicht normal zu sein“ wird hier voll ausgelebt. Das Gaudi-Wochenende zieht zwischenzeitlich fast 20.000 Leute an und zum 20. Jubiläum in 2013 werden es sicherlich noch ein paar mehr sein. Natürlich sind nicht nur Bühnen und Verköstigungs-Stände aufgebaut, sondern es stehen auch allerlei ungewöhnliche Vergnügungen auf dem Programm.

Höhepunkt in diesem Jahr war eine extra für die Veranstaltung installierte Seilbahn. Sie führte gegen Zahlung einer kleinen Spende aus luftiger Höhe bis fast zur Neiße über eine halbkilometerlange Strecke. Als Besonderheit wurde die kostenlose Nutzung für Nacktrutscher angeboten - und viele, viele taten es. Fast jede/r Zweite (also etwa jede/r Dritte) entledigte sich flugs aller überflüssigen Kleidung und rutschte ganz nackend, wie von Gott geschaffen. Ein weltweit einzigartiger Spaß, zur Nachahmung empfohlen. Für 2013 ist übrigens geplant, die Strecke sogar über die Neiße bis ins benachbarte Polen zu führen. Wie die Wirkung auf die Stilaugen der dortigen Bäuerinnen sein wird, läßt sich schon erahnen.


== Pyromanum ==
Ein lustiger Name für ein wirklich bezauberndes Event, quasi die Generalprobe für angehende Brandstiftermeister. Die NASA behauptet, das flammende Inferno könne man schon vom Mars aus mit bloßem Auge erkennen, doch das ist natürlich übertrieben. Richtig wäre eher der Mond. Die lustigen Feuerspiele finden übrigens in der Walpurgisnacht statt, wenn die Geister spuken und die Hexen auf ihren Besen im Tiefflug Richtung Brocken düsen. Hoffentlich verbrennen sie sich nicht das Reisig, wenn sie über das Feuermeer hinweg reiten. Naja, bis zur Rückreise an Halloween ist ja noch genügend Zeit für Besen-Reparaturen.

== Baumhaus-Bautage ==
Wer schon immer mal ein Baumhaus bauen wollte, kann sich hier mal versuchen. Immer im Oktober finden die Bautage statt. Das ist dann ein Abenteuer-Spielplatz für Erwachsene. Es wird gesägt und gehämmert und als Resultat entstehen Unikate, die dank Experten-Unterstützung auch wirklich benutzbar sind und späterhin als Kinder-Spielplatz dienen. So kann man Erfahrung dafür sammeln, wenn man das eigene Bauhaus im heimischen Garten plant.

== Fachtagung für Freizeitwelten ==
Bereits zum 17. Mal fand dieser Kongreß statt, der allen offensteht, die sich für außergewöhnliche Architektur, Freizeitparks, Baumhäuser, Spielplätze und Phantasie interessieren. Zumeist am dritten September-Wochenende, wenn der Trubel im Park langsam witterungsbedingt nachläßt. Zwei Tage mit höchst interessanten Vorträgen, Besichtigung, Verköstigung, Krönum und Nächtigung umfasst das Programm. Eigentlich ein Muss für Park-Betreiber und mit etwa 50 Teilnehmern in 2012 auch gut besucht. Weitgehend perfekt auch die Betreuung von Manu und den anderen kleinen Helferlein. Von mir also eine absoluteste Empfehlung.

== Was ist sonst noch los? ==
Tja, da gibt es noch die Nacht der verbotenen Spiele. Was da genau stattfindet, darf natürlich keiner wissen. Außerdem gibt es noch den Tag der erlaubten Spiele, das Spielum im November - mit Festspielen zum festspielen, was auch immer das sein könnte.

== Fazit ==
Von mir eine uneingeschränkte Empfehlung für diesen etwas total anderen Freizeitpark. Für Familien ein absolutes Must-Do, für Romantiker und Abenteurer ebenso. Und alle anderen werden sich einfach nur wundern und freuen.

© by familand.de / wellSPAss, DE-27624 Bad Bederkesa, 18.09.12
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