DE-20144 Hamburg: Der „Kaifu-Aufguß“

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== Der Knoblauch-Tzaziki-Aufguß ==
Hinter den Häusern und kaum einem bekannt, da liegt das „Kaifu-Badeland“. Neulich im „Kaifu-Saunaland“: familand besuchte einen Aufguß im „Bad am Kaiser-Friedrich-Ufer“ in Hamburg, von den Einheimischen kurz „Kaifu-Bad“ genannt…

Wie jedes Kind weiß, ist das Saunieren sehr gesund - aber nur wenn man auch regelmäßig und richtig schwitzt. Also nichts wie rein in die Aufguß-Sauna. Fünf Minuten vor der Zeit natürlich, denn sonst bekommt man nur noch die billigen Plätze. Langsam füllte sich die moderne Folterkammer, bis sich schließlich knapp drei Dutzend Todesmutige zusammengefunden hatten. Die Hälfte davon übrigens Damen. Heute ist man ja emanzipiert.

In Erwartung des Schlimmsten nahm ich auf der mittleren Bankreihe Platz, wo es nicht ganz so heiß wird wie oben. Ich hatte mir nämlich vorher den Saunameister angeschaut. Und der machte nicht den Eindruck, zimperlich zu sein. Punkt 19 Uhr wurde dann auch das Schild „Aufguß - kein Zutritt !“ an der Saunatür angebracht. Es drohte, ernst zu werden.

Ein Unentschlossener spähte noch eindringlich durch die Scheibe, bis er ausgebuht wurde. „Das ist ja wie in der Peep-Show“, sagte ein Saunagast. „Ja, vielleicht etwas teurer, aber dafür kann man länger kucken“ entgegnete ein anderer. Unbeeindruckt davon riss der Ober-Aufgießer noch einmal die Kabinentür auf, damit ein wenig mehr Luft herein gelangte. Eine attraktive Dame unter mir verbog ihre Beine in einen Yoga-Sitz. Wer wird die Füße wohl wieder auseinander knoten, fragte ich mich.

Ein weiterer Möchtegern-Schwitzer eilte herbei und warf einen Blick in die Sauna. „Komm, beeil dich, Du kannst noch rein“ lud ihn unser Zelebrierer ein. Doch der Bebademantelte winkte nur ab. „Nö, lass mal. Muß wirklich nicht sein“. Lachen aus der Kabine quittierte die Absage des Hasenfußes. Ich hörte ein paar abfällige Bemerkungen wie „Warmduscher“ oder „Weichei“. Ich beschloß, kein Weichei zu sein und dem Aufguß-Tod mutig ins Auge zu blicken.

Der Kellenträger begrüßte uns mit einem zackigen „Guten Abend“. Ein Spieß bei der Armee hätte das auch nicht besser gekonnt. Wie aus einem Munde und laut und deutlich erwiderte die Saunameute den Gruß. Brav, dachte ich. Sicherlich gut einstudiert. Mit einem Blick in die volle Runde meinte unser Vorschwitzer: „Hoppla, das rentiert sich ja heute richtig.“ Was meinte er damit wohl?

Hätte ich mich vielleicht doch besser ans prasselnde Kaminfeuer lümmeln und Zeitung lesen sollen? Der Saunameister riss mich aus meinen Gedanken. „Es gibt heute Latschenkiefer-Aufguß. Keine Ahnung, wie das riecht. Habe ich noch nie gemacht. Lassen wir uns mal überraschen“. Und gehorsam wie wir waren, ließen wir uns überraschen. Es roch irgendwie vermodert, wie ein nasses Handtuch, das man in der Badetasche ein paar Tage vergessen hat.

Kaum war der halbe Eimer aufgegossen, wurden die ersten kritischen Stimmen laut. Der Saunagänger von heute ist schließlich aufgeklärt und tut lautstark kund, was ihm nicht passt. Früher wäre man dafür sicher rausgeflogen. „Wie viele Latschen pro Liter wurden denn da verarbeitet?“ fragte es aus der Menge. „Na ja, riecht wirklich nicht so gut“ bekannte der Kellenschwinger. „Riecht echt eklig, würde ich sagen. Sicher ist das ziemlich gesund.“ wagte einer meiner Mitschwitzer einzuwerfen.

Der Schweiß tropfte bereits nicht mehr an mir herab, er lief schon in kleinen Rinnsalen. Vielleicht stimmte das ja. So wie dieser Lebertran, den mir meine Mutter früher immer einflößen wollte. Oder Spinat. Ich gestand mir ein, daß viele Dinge, die mir als Kind einfach unerträglich vorkamen, sich aus jetziger Sicht als gesund darstellten. Möhren fielen mir ein - und der Zahnarzt.

„Hätte auch nicht gedacht, daß diese Latschen so stinken“, gab der Gestankverursacher kleinlaut zu. „Ist bestimmt nützlich gegen Fußpilz oder Kakerlaken“ meinte eine junge Dame. „Probier doch mal, vielleicht schmeckt es ja besser“ fügte eine andere hinzu. Das war unserem Schädlingsbekämpfer dann wohl doch zu viel. „Kann mich gerade noch beherrschen“ bekannte er. Seine Nase war gerümpft und schien auch ein wenig gerötet. Genau wie das ganze Gesicht, stellte ich fest. Offenbar war ihm die Wahl des Aufgußmittels peinlich.

„Nimm doch lieber mal Orange, das riecht frischer“ warf ich ein. Das war das Stichwort. Der Sauna-Hosenträger straffte sich, nahm den Aufgußeimer und riss die Tür auf. „Ich hole jetzt mal ein anderes Aufgußmittel“, verkündete er hoffnungsvoll. Und fügte mit Blick auf die genervten Saunagäste hinzu: „Komme gleich wieder. Nicht abhauen“. Allerdings ohne größeren Erfolg, denn quasi auf dem Fuße folgten ihm ein paar Saunierer nach draußen. Ich jedoch blieb sitzen, wie die meisten anderen Schwitzgäste auch. Schließlich bin ich weit Schlimmeres gewöhnt. Ich bin verheiratet und habe ein kleines Kind. Da schockt einen so schnell nichts mehr.

Kaum fünf Minuten später war unser Folterknecht wieder da. „Ich habe Kirsche mitgebracht. Das riecht bestimmt gut“ verkündete er frohen Mutes. Nach gut einer Viertelstunde in der fast Wassersiedepunkt-heißen Kabine waren die meisten nun schon gut am Schwitzen. Ein nun wieder voller Eimer wartete da-rauf, aufgegossen zu werden. „Das wird hart“ dachte ich im Stillen.

Nach mehreren Kellen auf die heißen Ofensteine waberte eine seltsam riechende Dampfwolke durch den Raum. „Hmmm, Latschen-Kirsche“ kam der Einwurf aus dem Publikum. Ein Mann auf der oberen Sitzbank ergänzte „Riecht wie Hubba-Bubba-Kaugummi mit Weihnachtsbaum“.

Nun mußte ich den Chef-Aufgiesser aber ein wenig unterstützen. „Sei froh, daß es nicht Tzaziki-Aufguß mit Knoblauch und Zwiebeln gibt“ rief ich nach hinten. Bereute es aber sogleich wieder, als ich die Mine des muskelbepackten Handtuchschwingers sah. „Guuute Idee“ frohlockte der. Ob er das wohl ernst meinte, fragte ich mich. Ich dachte an „Major Pain“ und „Ein Offizier und Gentleman“. War ich vielleicht an einen sadistischen Ex-Ausbilder der Marines geraten? Nein, das war bestimmt ein Scherz. Die Stimmung im Raum war jedenfalls bombig. Alle lachten.

„Wie wär´s denn nächstens mal mit einem Bacardi-Cola-Aufguß?“ fragte ich. „Vielleicht mit einem Freigetränk für jeden?“. Die Antwort folgte bei Fuß. „Ha, das trinke ich lieber selber. Das ist viel zu schade zum Aufgießen“. Und ich glaubte ihm das sofort. Zwischenzeitlich wedelte der Oberfolterer nicht mehr nur das Handtuch, er schlug es auch vor den Badegästen auf und ab. Das vervielfachte die Schwitzqualen und machte die Saunagänger glücklich. Schlummert nicht in jedem von uns Aufguß-Fans ein kleiner Masochist?

Ein weiterer Saunagast warf das Handtuch und verließ mit den Worten „Ich muß mal raus, bevor ich zu schwitzen anfange“ den Raum. Er hinterließ kleine Pfützen, wo immer er hintrat. Dem Aufgießer schien das aber nicht zu gefallen. „Habe ich schon erwähnt, daß jeder der beim Aufguß rausgeht, dem Saunameister ein Bier bezahlt?“ rief ihm der Fitneßtrainer hinterher. Doch es kam nur ein müdes „Zu spät“ von draußen zurück. Auf das Bier mußte unser Wedelkönig wohl verzichten.

Nach einem erneuten heißen Schwall Kirsch-mit-ein-wenig-Waldmoder-Geruch stöhnte hinter mir ein Delinquent leise auf. „Puh. Gleich fließe ich davon“ meinte er. „Jetzt nähern wir uns dem Begriff >Erlebnis-Aufguß< an“ erwiderte ich. Er lachte. Von der anderen Seite warf jemand ein: „Du hast gut reden, du Sauna-unten-Sitzer“. Irgendwie hatte er da recht. Oben war es sicherlich noch viel heißer als bei mir.

Zwei Aufgüsse später war der Eimer dann endlich leer. Ich war begeistert, als der Rest über die Steine gekippt wurde. Erleichterung und Zufriedenheit stiegen in mir auf. Ich hatte den Aufguß mit Anstand hinter mich gebracht. Auf den Spruch eines Gastes „Oben an der Kasse gibt es T-Shirts mit dem Aufdruck >Ich überlebte den Kaifu-Aufguß<“ ging ich nicht mehr ein.

Vier Aufgußrunden hatten wir über uns ergehen lassen - und waren glücklich. Obwohl ich mir schon wünschte, ich hätte mir aus der Eiskammer einen großen Schneeball mitgenommen, wie der Profi-Schwitzer neben mir. Irgendwie hatte der viel cooler geschwitzt als ich. Na ja, man lernt eben immer noch dazu.

Und obwohl mir der Aufguß zeitweise schon ein wenig wie Folter vorgekommen war, blieb ich, wie einige andere auch, noch mehrere Minuten länger in der Kabine. Darunter auch die Yoga-Lady, die auf der Bank eingeschlafen zu sein schien. Vielleicht sollte ich auch mal Yoga lernen.

„Das war aber mal ein richtig toller Aufguß“ hörte ich noch über eine Stunde später meine Mitstreiter reden. Und irgendwie hatten sie recht. Vielleicht werde ich später mal meinen Enkelkindern über diese wohl lustigste halbe Stunde meiner Sauna-Karriere erzählen.

Der nächste Aufguß war übrigens Fenchel-Honig. Süßlich - mit einem Hauch Knoblauch, wie ich dachte. Alles nur Einbildung, wie ich dachte. Ist ja eigentlich unmöglich, dachte ich. Später erfuhr ich jedoch, daß alle Angestellten kurz zuvor hausgemachte Buletten gegessen hatten - mit reichlich Knoblauch darin...

== Nachwort ==
Zwischenzeitlich habe ich übrigens von einer Sauna in Franken gehört, die tatsächlich Knoblauch-Aufgüsse anbietet. Und zwar mit riesigem Erfolg. Die Leute sollen sich förmlich um einen Platz beim Aufguß reißen. Selbst miterlebt habe ich es allerdings noch nicht, für den Wahrheitsgehalt kann ich also nicht bürgen. Aber es gibt ja mehr Dinge zwischen Himmel und Erde…
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