… Café Gerbeaud, Budapest …

„Ein Hauch von Luxus“


Budapest - das war für mich immer eines meiner liebsten Reiseziele. Bestimmt ein Dutzend Mal führten mich meine Urlaubsreisen in die Donaustadt und stets fühlte ich mich hier wohl. Freundliche Menschen, phantasievoll verzierte Häuser und jede Menge Sehenswürdigkeiten. Dazu ein günstiger Wechselkurs, der so manchen Luxus bezahlbar machte. Gerne gönnte man sich ein opulentes Essen in einem guten Restaurant, eine stundenlange Maszage oder den Besuch in einer der vielen Thermen aus türkischer Zeit. Übernachten konnte man ebenfalls zu einem erschwinglichen Preis.

Seit ein paar Jahren gehört Ungarn allerdings zur EU und damit hat sich vieles verändert. Irgendwie scheint es mir, als sein ein gutes Stück Lebensqualität verloren gegangen. Der Verkehr in der Altstadt hat sich bestimmt verdoppelt, Parkplätze kosten jetzt gerne mal 400 Forint die Stunde - also fast zwei Euro. Wer sich den Parkzettel sparen möchte, riskiert 55 Euro Bußgeld. Die netten Andenkenläden von früher haben sich zu wahren Touristenfallen entwickelt. Schnäppchen sind hier nicht mehr zu machen, ebenso wenig wie in den Antikläden oder auf den Flohmärkten, die mich früher immer lockten. Auch die Tarife für Massagen oder Thermenbesuche haben sich den westlichen Standards weitgehend angenähert.

Ein Highlight bei allen meinen Stippvisiten war immer der Besuch eines Kaffeehauses gewesen. Einige davon stammten noch aus dem vorvorigen Jahrhundert und waren wahre Paläste des Jugendstils. Wandverkleidungen aus Mahagoni, Marmor-Böden, Kristall-Lüster und Spiegel machten den Aufenthalt hier zum Erlebnis. Hinzu kam eine riesige Auswahl an Kuchen und Torten, die alle Diät-Pläne für nichtig erklärte. Umgerechnet zahlte man etwa eine Mark für ein großes Tortenstück. Der Wiener Melange-Kaffee oder der heiße Kakao mit Sahnehäubchen dazu kostete nicht mal 50 Pfennige. So genehmigte ich mir fast an jedem Urlaubstag meist zwei oder drei Stücke der köstlichen Konditorware, genehmigte mir die köstliche Trinkschokolade dazu und noch eine kalte Cola und zahlte vielleicht fünf Mark inklusive Trinkgeld. So war das noch vor rund zehn Jahren. Also zu Vor-EU-Zeiten, als es den TEuro noch nicht gab.

Im Rahmen meiner Thermentour durch den Osten stand in 2011 endlich mal wieder Ungarn auf meinem Reisezettel. Und damit unzweifelhaft verbunden natürlich der Besuch von Budapest, das für mich nach wie vor zu den schönsten Städten der Welt zählt. Natürlich fährt man ein paar Mal über die tollen Donaubrücken, sieht sich die Burgen, Kathedralen, Fischerbastei und Zitadelle an, geht in die Felsenkirche, zum Eisenbahn-Museum im Eiffel-Bahnhof, in den Zoo, zum Heldenplatz und in die Hoteltherme Gellert - sofern man genügend Zeit dafür hat. Ganz wichtig natürlich auch der Besuch eines Kaffeehauses. Für mich jedenfalls.

Meine beiden Favoriten waren früher immer das Café „Hungaro - New York“ und das „Café Gerbaud“ gewesen. Hier hatte ich stets angenehm schlemmende Erlebnisse gehabt. Ersteres konnte ich diesmal leider nicht finden, wahr-scheinlich wurde es zwischenzeitlich umbenannt oder gar geschlossen. Wäre wirklich schade drum, aber immerhin möglich. So gingen wir also in das Herz der Altstadt in der Nähe des Domes und fanden schließlich auch das Gerbeaud wieder. Meine Freude war groß, als ich die Jugendstil-Schrift über dem Eingang las.

Schnell also hineinspaziert und den Geruch des 19. Jahrhunderts in vollen Zügen aufgesaugt. Die wunderbare Aus-stattung, bei der an nichts gespart wurde, ist immer noch vorhanden. Ein wahres Fest für das Auge. Dann ging es zur Theke. Hier lagen allerlei selbstgemachte Köstlichkeiten aus, vor allem Pralinen und Schokoladen. Und schließlich die Kuchentheke. Auf den ersten Blick wie früher, doch dann folgte die Ernüchterung. Die Auswahl war doch eher dürftig, kaum mal zehn verschiedene Kuchen waren zu sehen. Nein, keine Kuchen mehr, sondern schon geschnittene Stücke. Das mag ich eigentlich schon gar nicht. Die Stücke relativ klein und dünn, nicht mehr die opulenten Prachtexemplare wie früher. Naja, man nimmt ja vielleicht drei davon, dann wird man schon zufriedengestellt. Dachte ich. Dann sah ich die Preisschilder. Jedes Kuchenteilchen 950 Ft. Jedes, ohne Ausnahme. Sogar der stinknormale Apfelkuchen oder die winzige Schoko-Schnitte. Na hoppla. Das sind beim heutigen Wechselkurs von Tesco fast genau vier Euro pro Stück. Sicherlich kein Sonderangebot mehr.

Wir orderten also jeweils nur ein einziges Stück Kuchen und setzten uns unter einen der riesigen Schirme auf die Terrasse. Der Rundumblick offenbarte, dass außer uns wohl keiner Lust auf Kuchen hatte. Früher war das ganz anders gewesen, da stand bei jedem ein Kuchenteller oder ein riesiger Eisbecher auf dem Tisch. Jetzt meist nur noch eine Cola oder ein Kaffee. Auch das Publikum hat sich radikal verändert. Einheimische kommen offensichtlich nicht mehr hierher, nur noch Touristen. Wahrscheinlich meist auf die Empfehlung ihres Reiseführers hin, der wohl nicht mehr so ganz up to date ist. Im zehn Jahre alten Baedeker kann man wohl Lobeshymnen lesen, die heute allerdings wie Hohn wirken.

Nach etwa einer halben Stunde - so lange braucht man wohl, um ein geschnittenes Stück Kuchen auf einen Teller zu legen und nach draußen zu bringen - erhielten wir dann auch die bestellte Ware. Und dann die nächste Enttäuschung. Der Apfelkuchen für meine Frau schmeckte eher wie der aus der Packung von Lidl und mein Sohn meinte, seine Schokoladenschnitte sei einfach gräßlich. Mein Stück Dobos-Torte, ein Schichtkuchen, war einigermaßen okay, aber auch kein wirklicher Genuß. Ich tauschte mit meinem Sohn, der damit schon eher zufrieden war.

Immerhin bekommt man noch ein Schnapsglas voll Wasser serviert, damit der Kuchen besser rutscht. Das mundete aus meiner Sicht allerdings abscheulich, da nicht mal kalt und aus der Leitung. In Budapest bedeutet das: gechlort. Und das riecht und schmeckt man auch. So was würde ich gerademal zum Händewaschen nehmen, aber niemals trinken wollen. Nicht ganz so schlimm wie das sogenannte Trinkwasser in Amiland, aber für mich ungenießbar. Eine wahre Schande für ein Lokal, das sich gerne zur Spitzenklasse zählen möchte. Muss die Gewinn-Maximierung wirklich so weit gehen, dass man nicht mal stilles Wasser aus dem Supermarkt für vielleicht ein Cent pro Glas einschenken kann? Alleine schon dafür würde ich als Gourmet-Tester die halbe Punktzahl abziehen.

Ich aß dann also bedachtvoll die paar Gäbelchen voll Schokokuchen mit bitterem Kakao bestreut und fand sie gar nicht so schlecht. Kaum besser als die abgepackte Ware aus dem Supermarkt allerdings, wo man die 20-fache Menge für den gleichen Preis erhält. Nach fünf genußvollen Minuten waren wir also fertig mit dem Schlemmen und warteten dann auf die Rechnung. Und warteten und warteten. Die beiden Bedienungen würdigten uns keines Blickes. Vielleicht auch deswegen, weil wir auf den Cappuccino für 850 Ft. oder den Latte Macchiato zu 1.050 Ft oder das Gläschen Mi-neralwasser (0,2 l) zu 850 Ft dann doch verzichtet hatten. Schließlich ist auch unser Reise-Etat begrenzt. Jedenfalls warteten wir dann nochmals gut eine Viertelstunde auf die Rechnung.

Die kam dann schließlich auch. Dreimal 950 Ft. sind 2.850 Ft. und so nahm ich 3.000 Forint aus meinem Geldbeutel. Der Rest ist Trinkgeld, dachte ich. Das dachte ich aber nur. Auf der Rechnung waren nämlich auch noch 15 % Bedie-nungsgebühr zusätzlich ausgewiesen, so dass noch 427 Ft. hinzukamen. So waren es dann also 3.280 Forint, die zu berappen waren. Das entspricht etwa 13 Euro. Zählt man noch die Parkgebühren hinzu, kommt man auf mindestens 15 Euro. Eine Tatsache, die einem das Vergnügen, in einem Kaffeehaus aus dem Jahre 1856 gesessen zu haben, doch beträchtlich trübt. Vor allem, wenn man sieht, dass man beispielsweise in einer südlicher gelegenen ungarischen Kleinstadt in einem Innenstadt-Restaurant gerade mal 400 Ft. für ein komplettes Frühstück nimmt oder ein gefüllter Berliner Krapfen im Supermarkt zu 40 Ft. (etwa 15 Cent) zu haben ist. Für mich jedenfalls bedeutet das: nie wieder Gerbeaud. Aus dem einstigen „must see“ ist eine wahre Touristenfalle geworden, die ich guten Gewissens keinem mehr empfehlen könnte…

Nachtrag: Man muss jetzt nicht meinen, man könnte in ganz Ungarn keine tolle Torte zum vernünftigen Preis mehr bekommen. Das stimmt so nämlich nicht. Am nächsten Morgen waren wir in Tata, einer Kleinstadt westlich von Tatabanya, etwa 50 km von Budapest entfernt. Dort kamen wir an einer ganz kleinen Konditorei vorbei, die in der Hauptstraße liegt. Ein Laden von höchstens 20 m² Größe. Die hatten nicht nur ganz tolles, selbstgemachtes Eis, sondern auch eine riesige Auswahl an leckeren Torten. In einer Kühltheke waren bestimmt 30 verschiedene Kuchenarten zu entdecken. Der Preis betrug jeweils 250 Forint, also nicht mal einen Euro. So nahmen wir gleich zehn verschiedene Stücke mit - und alle waren wirklich super. Es geht also auch ganz anders als bei Gerbeaud. Man muss ja nicht unbedingt in jede Touristenfalle tappen…

© by wellSPAss / familand, DE-27624 Bad Bederkesa, 04. August 2011
...
Wir freuen uns über Ihre Meinung: >>info@familand.de<<

© 1994 - 2012 ff. by familand Freizeitführer / wellSPAss Freizeit-Unternehmensberatung. Jegliche Art der Vervielfältigung bedarf der vorherigen, schriftlichen Erlaubnis der Geschäftsleitung von www.familand.de! KOPIEREN VERBOTEN! Sämtliche Urheberrechts-Verletzungen kommen zur Anzeige und werden juristisch verfolgt !!!

Google-Analytics